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Begierde und Fahrerlaubnis - E. Jelinek

„Was ich mit meiner Inszenierung ausdrücken möchte? Das was ich sehe und fühle muss nicht das sein, was andere sehen und fühlen. Ich bin überzeugt davon und weiß es von mir selbst: Wenn ich es schaffe, als ZuschauerIn loszulassen, alles verstehen zu müssen, dann kommt genau das an, was ich im Moment individuell für mich brauche; was ich sehen kann und sehen will und dann öffnet sich etwas. Und mit diesem offenen, neugierigen Zugang wird das Unterbewusstsein angesprochen. Das Hirn neigt dazu zu analysieren, herausfinden zu wollen, was »richtig« ist, aber einiges kann man nicht mit dem Verstand begreifen. Um eines geht es aber garantiert nicht: Die Darstellung einer Frau aus einer männlich geprägten Sichtweise. Alles was mit Sexualität zu tun hat, ist nach wie vor von männlichen Bildern und einer männlichen Sprache geprägt. Manche der Bilder setze ich auch bewusst ein, damit ich sie auch gleich wieder brechen kann als Übersetzerin meiner Auffassung von Elfriede Jelineks weiblicher Sprache der Lust und den bitterbös ironischen Stellen.

 

Ich liebe Texte, die dazu einladen, sich wirklich Gedanken zu machen, über sich selbst, über die Gesellschaft, über die Welt. Jelinek ist für mich eine Wortspielerin. Sie spielt mit der Sprache und Ausdrucksmöglichkeiten und schafft so Texte die einzigartig sind. Ich liebe es, wie sie sich ausdrückt, ihre Symbolik. Je länger man sich mit ihren Texten beschäftigt umso mehr (eventuelle) Zusammenhänge entdeckt man. Ich finde einen Jelinektext, und besonders „Begierde und Fahrerlaubnis“, kann man nicht „einfach nur“ lesen, man erforscht ihn. Man muss ihn wirklich zu seinen eigen machen. Und erforschen heißt für mich auch bzw. vor allem ganz intensiv zu hinterfragen, hinein zu spüren, was der Text mit mir macht, was er mit mir zu tun hat, was meine Bilder sind. Wachsam zu sein, was welches Wort, was welcher Satz bei mir auslöst, wo die Bedeutung für mich zu finden ist. Das braucht große Ehrlichkeit und Offenheit sich selbst gegenüber. Es zeigt mir meine Themen auf, meine Grenzen, die ich immer wieder gerne in meiner Arbeit überwinde, damit ich mich weiterentwickle. Diese Frau im Stück bin ich und auch nicht. Sie malt sich (noch) nicht Geschehenes aus (oder ist es doch geschehen?), in allen Einzelheiten und Möglichkeiten, hüpft von Erinnerungen zu Wunschvorstellungen, von innigen Momenten zu schauderhaften Zukunftsbildern. Sie fühlt sich zu alt, nicht gut genug, nicht schön genug. Dann wieder über den Dingen stehend. Ich will dich, ich will dich nicht. Du kannst mich nicht haben. Nimm mich. Nein, ich nehme dich! Zerrissenheit. Ängste. Verletzlichkeit. Macht. Bedürfnis. Lust. Begierde. 

 

Wie kann, soll, (darf!?) sich Frau als sexuelles Wesen begreifen? Wie begehrt eine Frau? Was ist der Ausdruck dessen? Was heißt Frau sein? Was ist weibliche Lust in einer (Was heißt Mann sein? Was heißt Mensch sein?) Was wird uns vorgelebt an perfekten Körpern und Schubladen, die genau ins System passen? Warum will man selbst oft auch Schublade sein? Will ich brauchen? Will ich gebraucht werden? Kann man Mensch sein, ohne zu brauchen? … nur einige der unzählbar viele Fragen die dieser Text, meiner Meinung nach, aufwirft und der sich von der individuellen Sichtweise, dem Gedanken- und Gefühlsausdruck dieser Frau, auf eine gesellschaftliche Ebene entwickelt. Auch die vielen mit Ironie gefüllten Textstellen schätze ich sehr. Ich fordere gerne heraus, mich selbst, aber auch das Publikum. Die Komfortzone ist fad. Da ist keine Entwicklung möglich. Die Komfortzone zu verlassen ist zwar Risiko, weil unsicher, aber hält lebendig und lässt Neues zu.

 

Dadurch das ich selbst inszeniere und auf der Bühne stehe, habe ich einen Weg gesucht, um dahin zu kommen, die Bilder zu kreieren, die ich zeigen will. Für mich führte kein Weg vorbei, dazu jede Probe aufzuzeichnen, dann die Rolle der Schauspielerin zu verlassen und zur Regisseurin zu wechseln, das Video zu analysieren, mir selbst das Feedback zu geben um das dann wieder als Schauspielerin umzusetzen. Diese Rollenwechseln und „sich ständig selbst anschauen“ war oft nicht einfach, aber für mich ein wichtiger Weg mich genau diesem Thema ganz ehrlich anzunähern. Die Auseinandersetzung mit dem, was ist. Was ich als Frau bin. Verweben mit der Figur. Natürlich muss dieses Stück auch was mit mir zu tun haben, wenn es um die Thematik einer Frau geht, wie Frau begehrt und was sich dabei an Fragen und Empfindungen auftun. “

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